• Andri Ganzoni

Fünf Dinge, die Fotografen über das revidierte Schweizer Urheberrecht wissen müssen

Seit dem 1. April 2020 ist das revidierte Schweizer Urheberrechtsgesetz (URG) in Kraft. Für Fotografen und Fotografinnen bringt das Gesetz mehr Schutz und Rechtssicherheit. Das müssen sie jetzt wissen:


1. Was bisher geschah: Fehlender Schutz für Fotos ohne "individuellen Charakter"

Vor dem 1. April 2020 musste so mancher Fotograf tatenlos mit anschauen, wie seine Arbeit von Kunden und anderen Dritten entschädigungslos genutzt wurde, etwa auf kommerziellen Webseiten oder in redaktionellen Beiträgen. Die freie Nutzung von Fotografien fand ihre Rechtfertigung im Urheberrechtsgesetz und in dessen Auslegung durch die Gerichte: So hat das Bundesgericht in einem wegweisenden Urteil der berühmten Fotografie, die den ehemaligen Wachmann Meili mit zwei Folianten zeigt, den Schutz verweigert (BGE 130 III 714). Landschaftsfotografen scheiterten auch bei noch so aufwändigen Aufnahmen durchwegs vor kantonalen Gerichten. Der Grund: Fotografien fehlte es nach Ansicht der Gerichte oft am vom Gesetzt verlangten "individuellen Charakter".

2. Neu sind alle Fotos geschützt und sie dürfen nur mit Zustimmung verwendet werden

Wenn Fotografen in der Schweiz künftig einen Gesetzesartikel - wenigstens sinngemäss - auswendig kennen sollten, dann den neuen Art. 2 Abs. 3bis URG:

«Fotografische Wiedergaben und mit einem der Fotografie ähnlichen Verfahren hergestellte Wiedergaben dreidimensionaler Objekte gelten als Werke, auch wenn sie keinen individuellen Charakter haben.»

Die Bestimmung, die seit dem 1. April 2020 in Kraft ist, hat zur Folge, dass nun alle Fotografien urheberrechtlichen Schutz geniessen: Hochzeitsfotos, Landschaftsfotos, Produktfotos, ja sogar Schnappschüsse aus den Ferien. Ob Richter darin etwas Einmaliges - ein Werk mit individuellem Charakter - erkennen oder nicht, ist genauso unerheblich, wie die Frage ob der Fotograf ein Profi war oder ein Gelegenheitsknipser.


Wesentliche Folge des Urheberrechtsschutzes ist, dass Fotografien nur noch mit der Zustimmung des Fotografen veröffentlicht und verwendet werden dürfen. In der Regel wird sich der Fotograf seine Zustimmung etwas kosten lassen, zumindest wenn er Profi ist und von seiner Arbeit lebt.


3. ... alle Fotos?

Nein, nicht ganz alle Fotografien sind geschützt: Wie schon aus dem oben zitierten Art. 2 Abs. 3bis URG hervorgeht, sind nur Abbildungen von dreidimensionalen Objekten geschützt. Fotokopien oder andere Formen der Wiedergabe von Texten, Plänen, Grafiken und Fotografien bleiben somit gemeinfrei.


In der Praxis wichtiger ist aber eine weitere, allgemeine Voraussetzung des Urheberrechtsschutzes: Geschützt sind nur "geistige Schöpfungen" (Art. 2. Abs. 1 URG) und solche liegen nur vor, wenn ihnen ein menschliches Handeln zu Grunde liegt. Bei automatisiert hergestellten Fotografien wie beispielsweise Radarfotos, Fotos von Überwachungskameras oder Kamerafallen, dürfte diese Voraussetzung eher nicht erfüllt sein. Hier wird vielleicht im einen oder anderen Fall noch für Diskussionen gesorgt sein, etwa wenn solche Techniken künstlerisch eingesetzt werden oder wenn ein seltenes Tier in die Kamerafalle gerät.

4. Schutz auch für ältere Fotos: mindestens 50 Jahre zurück

Die Erweiterung des Schutzumfangs des URG auf Fotos ohne individuellen Charakter gilt auch für Fotos, die vor Inkrafttreten des revidierten URG (d.h. vor dem 1. April 2020) gemacht wurden. Dies gilt jedenfalls unter der Voraussetzung, dass sie nicht bereits wieder gemeinfrei geworden sind. Gut zu wissen: Der urheberrechtliche Schutz von Fotos ohne individuellen Charakter erlischt 50 Jahre nach deren Herstellung. Bei Fotos mit individuellem Charakter und allen anderen Werken erlischt der Schutz erheblich später, nämlich 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers oder der Urheberin. Ganz verschwindet die Diskussion um den individuellen Charakter demnach nicht aus dem Gesetz und das höhere Kaffeesatzlesen darüber, ob diese Voraussetzung nun erfüllt ist oder nicht, darf in wenigen Fällen, in denen es um ältere Aufnahmen geht, noch weitergehen.

5. Verwendungen, die vor dem 1. April 2020 begonnen wurden und erlaubt waren, bleiben erlaubt

Fotografen, die sich gegen eine Verwendung ihres Bildes, welche vor dem 1. April 2020 begonnen hat, wehren wollen, werden enttäuscht: Verwendungen, die vor dem 1. April begannen und erlaubt waren - zum Beispiel weil der Fotografie der individuelle Charakter fehlte, bleiben auch weiterhin erlaubt. Die Einwilligung des Fotografen oder der Fotografin ist für solche Bilder nur bei Verwendungen - z. B. für die Bebilderung einer Internetseite - erforderlich, die nach dem Inkrafttreten des revidierten UWG begannen.

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