• Andri Ganzoni

Revidiertes Urheberrechtsgesetz: Verborgene Fotografie-Schätze dürfen jetzt gehoben werden

Aktualisiert: Apr 21

Seit dem 1. April 2020 ermöglicht das Schweizer Urheberrechtsgesetz (URG) die Nutzung sogenannt "verwaister Werke". Was das für verborgenen Fotografie-Schätze bedeutet, lesen Sie hier.

In Schweizer Archiven lagern unzählige Fotografien aus Nachlässen von Unternehmen, bedeutenden Persönlichkeiten oder von Sammlerinnen. Und bei manchen dieser Bilder handelt es sich um wahre Kostbarkeiten: Abgebildet sind Personen der Zeitgeschichte, historische Ereignisse oder Ortsbilder und Landschaften aus der Vergangenheit. Während das Motiv bekannt ist, lässt sich die Identität des Fotografen oder der Fotografin jedoch nicht mehr mit vernünftigem Aufwand ermitteln.

Weil die erstmalige Veröffentlichung und die Nutzung eines Werks nach den Grundsätzen des Urheberrechts nur mit der Zustimmung des Urhebers erlaubt sind, standen Archive und Verlage bisher in einer Pattsituation: Ist der Fotograf oder die Fotografin eines Werks nicht bekannt, kann auch keine Einwilligung eingeholt werden und die Verwendungen des Werks wäre unerlaubt.

Dieses Problem hätte sich mit dem nun revidierten URG sogar noch verschärft, denn neu geniessen nicht nur gestalterisch einzigartige Fotografien urheberrechtlichen Schutz, sondern sämtliche Fotos, unabhängig davon, ob es sich dabei um professionell gefertigte Kunstwerke oder profane Schnappschüsse handelt (s. den Beitrag dazu hier).

Das revidierte URG sieht neuerdings jedoch folgendes vor und löst so die Pattsituation auf: Nach Art. 22b URG gelten Werke als verwaist, wenn die Rechteinhaber und -inhaberinnen trotz verhältnismässigem Rechercheaufwand unbekannt oder unauffindbar sind. Solche Werke gelten im Sinne einer gesetzlichen Fiktion als erstveröffentlicht, womit die Zustimmung des Urhebers dazu nicht mehr erforderlich ist. Was die Verwendung der Werke anbelangt - also zum Beispiel den Abdruck in einem Buch oder das Zugänglichmachen auf einer Webseite, so sind dafür neu anstelle der - unbekannten - Rechteinhaber die Kollektivverwertungsgesellschaften zuständig. In der Praxis stellen sich noch einige Fragen, etwa zu den Anforderungen an die Recherchen, die erforderlich sind, bevor ein Werk als verwaist gelten kann. Auch Tarife der Verwertungsgesellschaften fehlen noch.

Wesentlich ist jedoch, dass verborgene Fotografie-Schätze, die bisher wegen fehlender Kenntnis des Urhebers blockiert waren, nun gehoben werden dürfen. Eine Praxis zu den Einzelfragen wird die Verwertungsgesellschaft ProLitteris - die es bei konkreten Fragen als Erstes zu kontaktieren gilt - zusammen mit spezialisierten Anwälten und allenfalls Gerichten noch entwickeln müssen.

Bild: Barke auf dem Genfersee neben dem Château de Chillon, im Hintergrund der Dents du Midi, Aufnahme um ca 1890 - 1900, Fotograf unbekannt, Original archiviert in der Library of Congress Prints and Photographs Division, Washington, D.C. 20540. Bei diesem Bild handelt es sich nicht mehr um ein verwaistes Werk, sondern um ein gemeinfreies, da die 70-jährige Schutzfrist (70 Jahre seit dem Tod des Fotografen) aller Wahrscheinlichkeit nach abgelaufen ist.

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